Bewegung ist…

… natürlich total wichtig für uns alle, gesund, wirkt antidepressiv und antikarzinogen. Blabla. Soll sogar gegen meinen vielleicht-Thrombus helfen, den Ihr neulich bereits kennengelernt habt. Und, nachdem ein Jahr lang Mangelware, sind Sport und Bewegung für mich jetzt auch eine Quelle der absoluten Verunsicherung. Nach den langen Krankenhausaufenthalten und Chemos habe ich grundsätzlich viel von meinem Selbstbewusstsein verloren, aber auch ein deutlich verringertes Vertrauen in meinen Körper. Es fällt mir einfach super schwer, meine Fähigkeiten und deren Grenzen einzuschätzen.

Gestern war ich beim Yoga. Einer von zwei wöchentlichen Kursen, für die ich mich über den Hochschulsport angemeldet habe. Ich muss wohl nicht näher erläutern, dass es sich um einen Anfängerkurs handelt, zumal ich auch ganz unabhängig von meiner Krankengeschichte keine Ahnung von Yoga habe. Es ist aber ein Start. Ein erster Anfang, der mir gezeigt hat, wie unbeweglich ich bin, wie schnell ich Muskelkater bekomme. Was alles für mich noch anstrengend ist.

Mir ist in den 13 Monaten ganz viel Banales aufgefallen, das mich körperlich angestrengt, zeitweise richtig fertig gemacht hat. Zum Beispiel die nasse Wäsche vom Keller zu uns in den 2. Stock tragen. Oder die Hundespaziergänge, je nach Tagesform. Manchmal erscheine ich mir selbst dann aber wieder erstaunlich fit, etwa neulich auf einer fünfstündigen Pilzwanderung in Alfter. Da war aber auch die Ausbeute entsprechend. (Das Thema Pilze ist ohnehin ziemlich spannend irgendwie, zumindest wenn man so wie ich kundige Menschen dabei hat. Am Ende waren wir bei 13 essbaren Sorten als „Ernte“.) Vielleicht geht es auch viel um die Ablenkung von der vermeintlichen Anstrengung, damit das Gefühl, überfordert zu sein, in den Hintergrund treten kann. Was wieder für eine totale Kopfsache spricht. Und dafür, dass ich manchmal einfach jammere und ’nen Arschtritt brauche. Super Kombination: Unkoordiniert, faul, verunsichert, ungeübt, definitiv bewegungspflichtig ohne Wenn und Aber. Ich werd‘ versuchen dran zu bleiben!

Genau vor einem Jahr und einem Monat…

… bekam ich die Diagnose Krebs, das war am 17. September 2014. Mein ursprüngliches Leben eines ganz normalen Durchschnitts-20something wurde an einem einzigen Abend auf den Kopf gestellt, radikal gewandelt und in vielen Bereichen auch ganz einfach pausiert. Mein Körper drückte eine Stoptaste und stellte sich die Frage: Ruhemodus? Neu starten? Herunterfahren?!

Zu meinem großen Glück gab es nach dem Ruhemodus einen Neustart und nicht das Ende, und genau an diesem Punkt befinde ich mich jetzt. Ein volles Jahr brauchte es für die Therapie meiner Erkrankung, in dieser Zeit habe ich bis auf wenige Ausnahmen im Krankenhaus gelebt. Einen Monat nach meiner endgültigen Entlassung sitze ich nun hier, habe mich in Teilen wieder zuhause eingelebt, langsam wieder hochgefahren, ein paar erste Sicherheitschecks und ein Virenscanner-Update hinter mich gebracht. Wie man das so kennt müssen jetzt, bevor man mit dem System wieder voll arbeiten kann, diverse Tools und Apps installiert werden für die verschiedensten Zwecke. Die Netzwerkumgebung zum Beispiel war nie ganz deaktiviert,  mit der Frau an meiner Seite war ich immer eng verbunden, aber die Verbindungsoptionen müssen überholt werden. Es gibt viele Mails von anderen zu beantworten und einige Treiber sind nicht mehr auf dem neuesten Stand.

Trotzdem wird es mir nicht gelingen, einen kompletten Reset zu vollziehen als sei nichts gewesen. Ich kann in mein Leben 2.0 nur stückchenweise starten, außerdem bleiben ja, wie jeder weiß, selbst bei einer Formatierung immer Datenreste zurück. Körperliche Narben, vor allem aber viele viele Dateien mit einschneidenden Erfahrungen, die sich wohl nie wieder ganz löschen lassen.

Auf 1jahr1monat soll es um genau diesen Neustart gehen, den ich ganz aktuell begonnen habe, und die Vergangenheit, die dazu geführt hat.