Mein special enhanced Leben in der remastered edition

Ich stecke aktuell in so einer ganz speziellen, vergnüglichen Retro-Phase. Wahrscheinlich, um der harten kalten Außenwelt der Erwachsenen zu entfliehen, zumindest für 2 Stunden in der Woche. Davon hatte ich ja schon im vergangenen Beitrag berichtet. So gut wie jeder wünscht sich wahrscheinlich immer wieder mal, die ganze scheiß Verantwortung abzugeben und nochmal Kind zu sein. Da das nicht möglich ist, bleibt nur die verklärte Nostalgie.

Diese brachte mich zuletzt zu einem neuerlichen Ausflug nach Melee bzw. Monkey Island. Mein ganz persönlicher Trip zurück ins Jahr 1993, als der Unterhaltungswert von so ziemlich allem noch groß genug war, dass es ausreichte, meinem Vater beim spielen über die Schulter zu schauen. Als das Glück der Welt noch auf ein paar Disketten passte. Als Software noch mit kreativen, wertigen Ideen kopiergeschützt wurde. Das war genau die Art von Schwelgen, von dem ich mir eine Ladung erhoffte. Daher griff ich zur neu aufgelegten Special Edition von Monkey Island und machte mich bereit, als Guybrush Threepwood mal wieder Pirat zu werden, in See zu stechen und die Frau aus den Klauen des Geisterpiraten zu befreien. Soweit alles klar.

Doch dann der Schock: Sprachausgabe, neue Musik, unpixelige Grafik, wie unsympathisch… Beim Anblick dieses fancy-superduper-neu-blabla kam die erste Panik auf, bis ich die etwas versteckte make-it-retro-Taste gefunden hatte. Erlösung. Aber das hatte mir schon mal das grandiose Intro versaut. Sprachausgabe! Stellt Euch das mal vor.

Nun ja, diese Hürde war genommen, der vertraute Look und das unglaublich gute Gedudel versöhnten mich umgehend. Für zwei Stunden tauchte ich voll ein, genoss die Erinnerung an viele Rätsel, die besten Sprüche beim Beleidigungs-Fechten, die wohlige Atmosphäre der Scumm Bar (nur die Cantina Band ist besser!) und und und. Herrlich. Wie schon gesagt, für zwei Stunden. Dann formte sich in meinem Kopf, der jetzt leider nicht mehr einem Sechs- bis Achtjährigen gehört, sukzessive die bittere Erkenntnis: Es gibt kein Zurück. Man kann auf medialer Ebene in die unbeschwerten Jahre nicht mehr zurückkehren. Das Spiel ist toll, nach wie vor. Wer es noch nicht gespielt haben sollte, wird dringend aufgefordert, diese Lebenslücke zu schließen. Aber: Meine Haltung hat sich geändert. Für langes Rätseln fehlen Geduld und freie Zeit. Da gibt es ja jetzt diese verführerische Hinweis-Taste, auch im old school Modus. Statt die Stellen, die mir entfallen waren, selbst auszutüfteln, griff ich zum leichten weg. Schnell schnell, casual casual, kurz durchgeklickt, mal eben so wegkonsumiert.

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Der harte Weg: Meine Skizze zum Schalterrätsel, um den Safe im Laden zu öffnen. So etwas halte ich heute kaum noch aus.

Das ist irgendwie traurig und symptomatisch für die Veränderungen, die mit dem Älterwerden einhergehen. Es ist gut, dass wir nicht ewig Kind bleiben, aber man verliert auch etwas. Ich hatte Spaß, aber mit bitterem Beigeschmack. „Damals“ gibt es nicht mehr, nur noch in der Neuauflage, remastered. Früher war nicht alles besser, aber manches. Und in bestimmten Momenten frage ich mich, ob die ganze Krankengeschichte mich noch weiter davon entfernt hat, ob ich daran gewachsen, aber auch gealtert bin. Körperlich hoffentlich nicht, oder nicht dauerhaft, aber bezüglich meiner Einstellung und der gemachten Erfahrungen, wenn das Leben irgendwie diffus bedroht ist, kann ich das Jahr nicht ungeschehen machen.

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Was bisher geschah…

17. Juli 1987 – Ich werde an einem wunderschönen Sonntag geboren.

Tatsächlich war es ein Freitag, aber meine Großmutter war immer der festen Überzeugung, ich sei ein Sonntagskind, was ich in meiner jugendlichen Naivität sehr wörtlich nahm. Irgendwie gab mir diese Sonntags-Legende immer das Gefühl, vom Glück verfolgt zu sein.

1987-2014 – Leben 1.0

23./24. August 2014 – Dunkle Vorzeichen

In Aachen legen wir während eines intensiv-Wochenendes nochmal Hand an unseren Sammelband Erschriebene Erinnerung an. Ich fühle mich etwas grippig, was ich danach wochenlang nicht richtig loswerde. In den Monaten davor war ich generell immer wieder mal ein bisschen krank.

17. September 2014 – Der schwarze Tag

Nachdem zu der andauernden Erkältung noch eine sich sukzessive verschlimmernde Luftnot hinzukommt, gehe ich zu meiner alten Hausärztin, da ich sowieso gerade in Aachen bin. Schon ein kurzes Abhören und ein flüchtiger Blick reichen ihr, mich prompt zum Radiologen nebenan zu schicken. Dieser kann auf dem Röntgenbild wegen massiver Überschattungen nur wenig von meinem rechten Lungenflügel sehen. Beide Ärzte raten mir, mich noch am selben Tag einer umfassenden Diagnostik zu unterziehen, am besten in einer Uniklinik. Verdacht auf schwere Lungenentzündung.

Mit meiner Mutter fahre ich nach Bonn, packe ein paar Sachen fürs Krankenhaus zusammen (bei einer Lungenentzündung rechnet man ja doch mit ein paar Tagen Aufenthalt) und dann geht es zur Aufnahme, meine Freundin ist inzwischen dazugestoßen. Blutuntersuchungen werden gemacht, Lunge und Herz im Ultraschall begutachtet und eine Punktion vorgenommen, um die 2 Liter (!) Flüssigkeit abzulassen. Diese weist starke Entzündungszeichen auf. Man will vorsichtshalber noch ein CT machen, um zu klären, „wie nach einer Lungenentzündung so viel Flüssigkeit bei einem so jungen Mann auftreten kann“. Habe ich vielleicht etwas verschluckt?

Es ist jetzt nach 22 Uhr. Ich warte nach dem CT wieder in dem Raum, in dem ich meine ersten Untersuchungen hatte. Der mich den Nachmittag/Abend über betreuende Arzt kommt mit versteinerter Miene herein und teilt mir mit, dass eine „sehr große Raumforderung“  in meinem Brustkorb entdeckt wurde. Man müsse noch für diese Nacht ein Bett auf einer onkologischen Station organisieren, ich solle jetzt noch etwas hier warten. Es tut ihm sichtlich leid und fällt ihm schwer, mir das zu sagen. Ich weiß in dieser Situation noch gar nicht, was ich denken soll. Hunger habe ich. In meiner Reisetasche finde ich noch eine Packung Oreo

Später in der Nacht, völlig überrumpelt, liege ich in meinem Bett neben einem alten, schwerkranken, stummen Mann, der dem Tode sehr nahe scheint. Meine Betreuende Onkologin kommt herein, sagt ein paar beruhigende Worte und dass ich gleich erstmal eine Schlaftablette bekommen werde und es in den nächsten Tagen viel zu besprechen gebe.

Zweite Septemberhälfte 2014 – Diagnostik und Beginn der Chemo

Im Gegensatz zu den Menschen, die mir zur Seite standen, kann ich mich nicht mehr gut an diese Anfangszeit erinnern. Zu Beginn musste die Krebserkrankung genauer eingegrenzt werden, CT-gestützt wurde eine Punktion des Tumors in meinem Brustkorb vorgenommen und die entnommene Probe eingeschickt. Parallel dazu startete man eine Vorbehandlung mit Cortison. Man ging in den ersten Tagen von einem typischen Fall von Morbus Hodgekin aus, was verhältnismäßig günstig gewesen wäre. Danach wurde die Diagnose in eine Akute lymphatische Leukämie (ALL) mit bescheidenerer Prognose umgewandelt – nicht so cool… Am Ende sollte es dann doch das extrem seltene T-lymphoplastische T-Zell-Lymphom (mit mediastinalem Tumor, „groß wie ein Kinderkopf“) sein. Das Hin-und-Her erklärt sich wohl durch das Warten auf die genauen Ergebnisse der feingeweblichen Untersuchung, aber auch die inkonsequente Informationspolitik der Onkologen

Für mich bedeutete die Diagnose hoffentlich gute Heilungschancen, aber eine sehr lange Therapie. Ein Jahr mehr im Krankenhaus als zuhause, zu Beginn mindestens 10 Wochen Krankenhaus am Stück, hochdosis-Chemo und Kopfbestrahlung als Prävention… was eine Aussicht.

Oktober 2014 bis Ende September 2015 – Leben 1.5

Die Ergebnisse des ersten, zwölfwöchigen Aufenthaltes:

  • Anpassungsstörung mit depressiver Episode
  • Anschaffung eines Aldi-Internet-Stick
  • Die Erfahrung völlig neuer Arten von Schmerz (Knochenmarkpunktionen, Liquorpunktionen, Knochenschmerzen durch Neupogen – ein Medikament, das die Bildung von Immunzellen anregt)
  • Heißhunger auf diverses ungesundes Essen
  • Sehr viel Kummer und Belastung für meine engsten Angehörigen, vor allem meine tapfere geliebte Freundin
  • Eine lustige Bestrahlungs-Maske (hatte nach der Strahlentherapie kurz vorgehabt, sie aufzubewahren, aber das Teil ist dann doch auf dem Müll gelandet)
  • Ein waschechter Krankenhauskeim, der für mich und Außenstehende völlig ungefährlich geblieben ist, aber dazu geführt hat, dass ich den Löwenanteil des Therapiejahres auf einem Isolierzimmer verbracht habe. Besuch nur in Schutzverkleidung und das Verbot, auch nur meinen Raum zu verlassen inklusive.
  • Viel leckeres mitgebrachtes Essen, von Mama gekocht und liebevoll für den Transport verpackt. Überhaupt sehr viel Unterstützung, die ich von vielen Menschen erfahren habe.
  • Die Erkenntnis, dass man als schwer Kranker am Anfang ganz viel Aufmerksamkeit bekommt. Die verfliegt aber auch schnell und die Besuche werden seltener und schränken sich auf einen engeren Kreis ein. So ist das nun mal.

Danach gewöhnt man sich immer mehr an viele Aspekte des Krankenhauslebens – aber nicht das Essen! Und warum läuft hier so vieles so chaotisch? Warum verwechseln Pfleger und Schwestern immer wieder Medikamente und man muss es selbst rechtzeitig vorher merken? Warum sagt jede Ärztin und jeder Arzt ständig etwas anderes? Man findet bestimmte Strategien, mit dieser Situation umzugehen, kleine und größere Probleme zu lösen. Aber scheiße schwierig ist es immer. Und man hat Angst. Und immer wieder Schmerzen, Übelkeit etc. Die eigenen Bedürfnisse kollidieren mit denen anderer. Es belastet die Beziehung(en) stark. All das. Da braucht man niemandem etwas vormachen.

25. September 2015 – Ich entlasse mich auf eigenen Wunsch endgültig

Der Oberarzt wollte mich noch übers Wochenende da behalten zur Sicherheit, aber ich bin doch jetzt gesund?! … Jedenfalls gelingt es mir zum ersten und einzigen Mal, meinen eigenen Willen wirklich zu behaupten und dem System Klinik die Stirn zu bieten. Eine späte, aber wichtige Erkenntnis. Meine Freundin ist unendlich stolz auf mich.

Oktober 2015 – Leben 2.0

Die Abschlussuntersuchungen laufen zwar noch, aber alle Zeichen deuten auf Starterlaubnis für ein Leben danach.

17. Oktober 2015 – Ein Jahr und einen Monat nach der Diagnose startet 1jahr1monat.com